Allein auf verlorenem Posten! Wie Gruppendenken unser Urteilsvermögen trüben kann.

Haben Sie auch schon mal “Ja” zu einer Entscheidung gesagt bei der Sie ein ganz komisches Gefühl hatten? Mussten Sie in einem Meeting vielleicht einem Vorschlag zustimmen und zwar lediglich um nicht der Einzige zu sein der dagegen ist? Oder haben Sie einfach immer wieder Schwierigkeiten Ihre Vorschläge zu Ende zu führen weil das Establishment dagegen ist? Dann sind Sie möglicherweise, so wie die meisten von uns, dem Gruppendenken zum Opfer gefallen.

Sozialpsychologen und -psychologinnen sowie Soziologen und Soziologinnen beschäftigen sich schon seit langer Zeit mit den Ursachen und Auswirkungen vom Majoritätseinfluss im intergruppalen Verhalten. Vielen von uns ist trotzdem nicht bewusst welche Phänomene uns in verschiedenen Alltagssituationen beeinflussen. Deshalb möchte ich gerne zunächst herausfinden was Gruppendenken ist.

Gruppendenken ist nach Janis (1972) ein defizitärer Entscheidungsprozess in hoch-kohäsiven Gruppen, bei dem das Streben nach einer konsensual geteilten Entscheidung derart im Vordergrund steht, dass relevante Fakten und mögliche Handlungsalternativen nicht berücksichtigt werden. Mit hoch-kohäsiv ist das innere Zusammenhaltsgefühl der Gruppe, das sogenannte “Wir-Gefühl” durch das die Intensität und emotionale Qualität der Beziehungen der Gruppenmitglieder zueinander zum Ausdruck kommt gemeint(Stürmer 2012). Die Definition von Janis verdeutlicht uns die Fallstricke über die wir zu stolpern drohen. Je wichtiger ein  harmonischer Zusammenhalt in der Gruppe ist, je dringender wir das Ziel erreichen wollen und je mehr wir nach innerem “Frieden” in der Gruppe streben, desto wahrscheinlicher ist es dem Gruppendenken zu verfallen. Janis hat fünf Punkte genannt die das Gruppendenken fördert(Stürmer 2012):

  • Extrem hohe Gruppenkohäsion
  • Abschottung der Gruppe von externen Informationsquellen
  • Mangel an verbindlichen Prozeduren oder Normen, die eine systematische Berücksichtigung relevanter Fakten fördern
  • Direktive Führung, die den Druck zur Konformität erhöht (Mitglieder, die eine andere Meinung vertreten, passen sich aus Angst vor Sanktionierung der vorherrschenden Meinung an.)
  • Hoher Stress (z.B. Zeitdruck, äußere Bedrohung)

Einen sehr anschaulichen Eindruck davon, was Gruppendenken für schwerwiegende Folgen haben kann, liefert uns ein Beispiel aus dem Jahr 1986. Am 28. Januar 1986 explodierte die Raumfähre Challenger kurz nach dem Start. Dies ereignete sich obwohl einige Ingenieure vor dem Start dazu geraten hatten den Start so lange zu verschieben bis die Außentemperatur auf  etwas über  11° Celsius gestiegen sei. Die Mehrheit, die  unter einem enormen Gruppendruck stand, entschied jedoch die Raumfähre starten zu lassen. Im Rahmen der Aufarbeitung der Katastrophe stellte sich heraus, dass die Warnungen der Ingenieure völlig richtig waren, dass diese sich jedoch dem Mehrheitsdruck beugten und somit den Weg für die Katastrophe frei gaben. Im folgenden Video wird sehr anschaulich dargestellt wie es dazu kommen konnte https://www.youtube.com/watch?v=SBw0ased8Sw. Einige der Wissenschaftler die sich mit dem Gruppendenken befasst haben sind sich in folgender Sache einig:

Ein Hauptgrund für Fehlentscheidungen ist die Vernachlässigung (oder Unterdrückung) von abweichenden Meinungen, obwohl diese korrekt sind(Stürmer 2012).

Aber wie kann man dem Gruppendenken entgegen wirken. Auch hier gibt es einige konsensual geteilte Empfehlungen. Hilfreich könnten u.a. folgende Maßnahmen sein:

  • die Führungsperson sollte bei der Entscheidungsfindung keine direktive Rolle einnehmen, dass heißt kein von oben herab diktiertes Handeln sondern tatsächlich gemeinsame Entscheidungsfindung,
  • sie sollte die Diskussion so strukturieren, dass alle relevanten Informationen, die einzelnen Mitgliedern vorliegen, mit der Gruppe geteilt werden,
  • sie sollte zur Diskussion von abweichenden Positionen ermutigen,
  • sie sollte die Meinung externer Experten zum Thema einholen und
  • Abstimmungen über die endgültige Entscheidung sollten, wenn möglich immer, geheim statt öffentlich stattfinden.

Es sind sicher viel mehr Maßnahmen möglich die zu besseren Entscheidungen führen und ich bin sicher in jedem Betrieb, jeder Gruppe oder jedem Verein kann man nach reiflicher Überlegung eigene Ideen diesbezüglich umsetzten. Eines ist dabei stets im Auge zu behalten: Minoritätsmeinungen haben seit tausenden von Jahren zur Innovation und Fortschritt geführt und sollten nicht mit einem “Wisch” als unwichtig oder gar unsinnig abgelehnt werden sondern stets im Einzelfall abgewogen werden. Schließlich glaubte man vor nicht all zu langer Zeit, dass die Sonne sich um die Erde dreht und erklärte Galileo Galilei für einen Spinner. Manchmal passen abweichende Meinungen nicht zu unserem Weltbild. Dadurch neigen wir möglicherweise dazu, diesen nicht die nötige Beachtung zu schenken. Denken Sie darüber nach, behalten Sie bei was sich lohnt zu behalten und ändern Sie was geändert werden muss. Ich werde es tun!

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